Wie viele andere auch, habe ich ein privates Interesse an Aktien. Aus meiner Sicht lässt sich über die Beschäftigung damit nicht nur Spaß haben, sondern auch jede Menge über Wirtschaft und Strategie lernen. Und das so erworbene Wissen kann ich fast täglich im Job einbringen – als Gesprächspartner oder direkt bei geschäftlichen Entscheidungen.

Moment mal, steht da wirklich Spaß haben?

Einige Leser werden sich an dieser Stelle wahrscheinlich fragen, wie in aller Welt so was Spaß machen soll. Hat das nicht damit zu tun, Bilanzen und Geschäftsberichte zu lesen, und wie ein Wahnsinniger mit zittrigen Fingern auf dem Keyboard alle 5 Nanosekunden den Kurs abzurufen? Ist Glücksspiel wie im Casino gemeint? (Dazu später noch mehr).

Gleichzeitig spielen oder spielten viele von uns gerne Strategiespiele und Wirtschaftssimulationen – entweder Brettspiele oder mobil bzw. am Computer. Unvergessen ewig lange Sessions mit Siedler von Catan, Vermeer, Sim City oder Civilization.

Aktiendepots: Das moderne Äquivalent zu Strategiespielen

Ein modernes Äquivalent dazu kann das eigene Depot mit Aktien sein. Der Ablauf ist ungefähr wie folgt:

  • Man liest und hört viel, denkt vielleicht zwischendurch kurz nach,
  • bildet sich eine Meinung zu einem bestimmten Unternehmen, der zugehörigen Wettbewerbslandschaft und der Bewertung (d.h., den Preis, den man für das Unternehmen bezahlen muss)
  • wettet mit dem eigenen Geld auf diese eigene Meinung („put your money where your mouth is“)
  • verfolgt gespannt Nachrichten, Pressemitteilungen und Analystenberichte (ist praktisch wie im Kino – je nach Aktie halt Thriller, Comedy oder Splatterfilm)
  • und genießt im Idealfall später das Gefühl, in der eigenen Meinung bestätigt zu werden. Oder lernt etwas dazu, wenn sich der Aktienkurs wider Erwarten doch Richtung Süden entwickeln sollte.

Nichts ist eben spannender als die Wirtschaft. Das Ganze hat manchmal schon auch etwas von einer Schatzsuche oder Schnitzeljagd. Und selbst das größte Anlagedesaster eignet sich mit etwas zeitlichem Abstand noch als amüsantes Tischgespräch.

Während die aktuellen Schlagzeilen (im Moment oft die von disruptiven Techgiganten) allen bewusst sind (siehe auch Recency Bias), gibt es einen Fundus von mehreren Hundert Jahren Wirtschaftsgeschichte, der oft viel relevantere Lektionen bereithält. Und der erschließt sich meiner Erfahrung nach unterhaltsam über ein Aktiendepot.

Geld verdienen mit Aktien?

Warum ich hier nicht auch „Geld verdienen“ als Vorteil aufführe? Tatsächlich bin ich der Meinung, dass in unserem Wirtschaftssystem Eigenkapitalbeteiligungen an Unternehmen langfristig die höchsten Renditen erwirtschaften muss. Sonst würde irgendwann niemand mehr die Risiken eingehen, die mit den Schwankungen der Erträge (bis hin zum Totalverlust) verbunden sind.

Allerdings ist dazu keine Anlage in Einzelaktien notwendig, und vermutlich auch nicht mehr ratsam, seitdem es Indexfonds gibt. Selbst Warren Buffett rät den meisten Privatanlegern ja zu breit gestreuten Indexfonds.

In jedem Fall sollte man nie Geld in Einzelaktien investieren, welches man im Notfall dringend bräuchte oder dessen Verlust man nicht verschmerzen kann (insbesondere nicht Geld, das einem nicht gehört). Es soll hier ja in erster Linie um „Spielgeld“ gehen, nicht um professionelle Anlage – und selbst die vermeintlichen Anlageprofis schlagen auf lange Frist meistens nicht die passiven Indizes. Wobei diese Erkenntnis sich schon so durchgesetzt hat, dass vielleicht ja irgendwann eine Trendumkehr einsetzen wird – wer weiß. Die Reflexivität der Kapitalmärkte ist eben auch von Massenpsychologie geprägt, sonst wäre die ganze Chose ja auch nicht so faszinierend.

Wie war das nun mit den Bilanzen und den Echtzeitkursen?

Bilanz

Das muss natürlich jeder für sich selbst entscheiden. Ich persönlich bin eher der Typ „kaufen und nie wieder verkaufen“, mit einigen Ausnahmen (Turnaround-Situationen). Insofern genieße ich es, morgens beim Kaffee Zeitung zu lesen und einen Blick in‘s Portfolio und die Watchlist zu werfen (ist heute ja angenehm bequem möglich). Traden ist nicht mein Ding und wird es wohl auch nicht werden.

Tatsächlich schaue ich bei den Unternehmen, die mich interessieren, auch ganz gerne in die Geschäftsberichte, die Analysten-Präsentationen und die Transcripts der Earnings Calls (heute ist das alles einfachst verfügbar, ein enormer Vorteil). Je mehr man davon liest, umso müheloser wird es mit der Zeit  – wie eben bei allem, was man tut. Lesen (oder Überfliegen) geht oft auch schneller als das Abspielen der Webcasts.

Was für Unternehmen bieten sich denn an?

Jeder hat offenkundig eigene Präferenzen, Interessen und Selektionskriterien. Da ich ja gerne Verkaufsentscheidungen vermeide, setze ich den Fokus auf Unternehmen mit bewiesenen Wettbewerbsvorteilen, die hoffentlich langfristig haltbar sind. Ein Indikator dafür ist Marktführerschaft, ein anderer langfristig überdurchschnittliche Kapitalrenditen. Außerdem ist mir wichtig, dass Management und Kleinanleger ähnliche Zielsetzungen verfolgen – das heißt, dass die oberen Führungskräfte maßgeblich Aktien halten sollten. Oft gilt dies auch für AGs, an denen Familien große Anteile besitzen. Dann muss ich mir weniger Sorgen darum machen, über den Tisch gezogen zu werden (passiert natürlich trotzdem ab und zu). Darüber hinaus ist eine geringe Nettoverschuldung vorteilhaft, denn die erhöht bei einem langen Betrachtungszeitraum die Überlebenswahrscheinlichkeit.

Und wie verbringt Ihr so Eure Zeit? Hinterlasst gerne Euren Input, Vorschläge und Kommentare.

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